Entwicklungshilfe für den Kiefer

So einiges kann in der kindlichen Gebissentwicklung "schief" laufen. Nicht immer sind nur krumme Zähne schuld. Auch ein angeborener falscher Biss und schlechte Gewohnheiten wie Dauernuckeln führen zu Problemen. Rechtzeitig erkannt und angegangen, lassen sich langwierige spätere Behandlungen vermeiden.

Im Kindesalter ist der Kiefer voll auf Wachstum eingestellt: Er ist noch weich und formbar, viele wachstumsaktive Zellen treiben seine Entwicklung voran. Deutlich sichtbar ist dies an der sich verändernden Gesichtsform, die vor allem durch den Oberkiefer und Unterkiefer geprägt wird. Eine große Rolle während des Wachstums spielt auch die Zunge. Sie übt als starker Muskel im Mund einen Wachstumsdruck auf den Oberkiefer aus, formt das Gaumengewölbe und erweitert ihn. Die Zunge hat ebenfalls die Aufgabe, den Zahnbogen auszuformen.

Stillen „trainiert“ zahlreiche Muskeln

Eine gesunde Kieferentwicklung kann eine Mutter bei ihrem Kind schon im Säuglingsalter fördern: mit dem Stillen. Das Saugen der Muttermilch an der Brust bringt zahlreiche Wachstumsreize für die Kieferentwicklung. Der "Säugling" trainiert dabei viele Muskeln an Wangen, Lippen und Zunge. Eine ausreichend starke Lippenmuskulatur zum Beispiel ist wichtig für den Lippenschluss und eine korrekte Aussprache.

Um eine Fehlhaltung der Zunge oder Lippen auszugleichen, kommen oft
funktionskieferorthopädische Geräte wie ein Aktivator oder Bionator zum Einsatz. Sie trainieren die Muskulatur von Zunge, Lippen und Wangen, da sie lose im Mund liegen und von Muskelkräften beim Kauen, Schlucken und Sprechen gehalten werden müssen.

Milchfläschchen keine gute Alternative

Das Stillen bewirk aber noch viel mehr: Beim Saugen lernt das Baby auch, richtig durch die Nase zu atmen und zu schlucken. Positive Entwicklungseffekte auf den Kiefer wirken bei der Gabe des Milchfläschchens dagegen weit weniger effektiv. Außerdem besteht die Gefahr einer einseitigen Belastung: Eltern wechseln bei der Flaschenfütterung meist nicht die Position, sodass der Kiefer einseitig belastet wird – spätere Kiefergelenks- und Gesichtsverschiebungen nicht ausgeschlossen.

In die Wiege gelegt oder erworben?

Kieferfehlstellungen sind häufig angeboren. Eine typische Fehlstellung ist eine zu starke Entwicklung des Unterkiefers (Progenie), was im Profil meist deutlich zu sehen ist. Oft anzutreffen ist auch ein Überbiss, wobei die Schneidezähne zu weit über die Zähne des Unterkiefers hinausragen. Beim Tiefbiss bedecken die oberen Frontzähne beim Zusammenbiss die Zähne des Unterkiefers so stark, dass diese nicht mehr zu sehen sind. Die Unterzähne können dabei sogar in den Gaumen beißen.

Ein gestörter Zusammenbiss mit ungünstigen Kieferlagen und nicht optimal ineinandergreifenden Zähnen behindert die Kaufunktion, es kann zu Überlastungsschäden an Zähnen und Zahnhalteapparat kommen oder gar zu Schmerzen und Schäden am Kiefergelenk (Kiefergelenkerkrankungen).

Schnullern und Daumenlutschen

Meist viel deutlicher als ererbte kommen erworbene Fehlstellungen zum Vorschein. Dahinter stecken in der Regel schlechte Gewohnheiten – zumindest aus kieferorthopädischer Sicht. Sie sind für etwa die Hälfte aller Fehlentwicklungen bei Kindern verantwortlich. Zu den schlechten Gewohnheiten zählt neben Lippenpressen oder falschen Schluckmustern vor allem das Nuckeln am Schnuller oder Daumen.

Das Nuckeln ist ein Problem, denn beim ständigen Saugen entsteht ein Dauerdruck, der die Frontzähne mit der Zeit nach vorne, die unteren Zähne in Richtung Zunge drückt. Die Folge kann ein offener Biss sein: Die Frontzähne von Ober- und Unterkiefer berühren sich nicht mehr, in schweren Fällen entsteht vorne regelrecht ein Loch. Man spricht auch von einem „Lutschbiss“. Die Ausbildung eines Kreuzbisses mit zur Seite verschobenen Backenzähnen ist ebenfalls möglich.

Zunge wird beim Dauernuckeln zum "Falschparker"

Doch damit nicht genug: Beim ständigen Nuckeln gerät auch die Zunge unter negativen Einfluss, sie wird aus ihrer natürlichen Ruhelage verdrängt. Statt oben am Gaumen zu ruhen, wird die Zunge nach unten gedrückt. Irgendwann bleibt sie dort als „Falschparker“ liegen. Ihre wachstumsfördernden Reize am Gaumen fehlen, der Kiefer bleibt zu klein. Die Zähne finden keinen Platz mehr, stehen kreuz und quer.

Nicht über das 3. Lebensjahr hinaus

Mit den Nuckelgewohnheiten sollte spätestens nach dem 3. Lebensjahr Schluss sein. Wenn das schwerfällt, bieten zum Beispiel kieferorthopädische Mundvorhofplatten eine Hilfe beim Abgewöhnen. Sie schützen die Zähne vor der Muskelkraft von Zunge, Wangen und Lippen. Auch alle Formen eines Fehlbisses lassen sich mit kieferorthopädischen Maßnahmen beheben, entweder in der Frühbehandlung oder im 4. Lebensjahr oder im Alter von 9 bis 13 Jahren.

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